








embodied, embedded – Beat Huber lauscht in den Bach. 1961

An der lebendigen Erdoberfläche aus Felsen heraus gebrochene Steine – schwerelos in den Strömungen von Wasser, Gletscher, Sonnenlicht und Wind gerundet – ein Kieselstein ist mit einem Menschen vergleichbar. Rolling Stones … Geröll und Geschiebe in der Masse, doch als einzelner Stein so unverwechselbar einmalig wie jeder einzelne Mensch.
Wir Menschen sind selbst ein Teil unserer Phänomenologie, aber eben doch Menschen: etwas Besonderes. Und dennoch sind auch wir ein Bestandteil der oxydierenden, lebenden Patina an der Oberfläche der Erde.
Bildende Kunst widmet sich angesichts der kulturellen Übermacht von Hollywood, Bollywood und Megacity- Architektur subjektiven Standpunkten und Empfindungen und sie dient öfter der Dekoration, als der geistigen Erbauung.
Ich habe mich Anfang der Neunzigerjahre als Steinmetz zurück besonnen auf die gerundeten Steine der Flüsse aus meinen Kindheitserinnerungen und bin das Experiment eingegangen, solche Steine einzeln aus ihrem Element heraus zu lösen, um ihnen einen häuslichen Platz zu geben. Mit dem Verzicht auf eine dem Stein fremde Form in der Skulptur ziele ich geradewegs auf die materialistische Perspektive, die der Materialität in der Skulptur besondere Aufmerksamkeit zukommen lässt. Die auf Profit reduzierte Beziehung zur Natur und die Erkenntnis der biologischen Bedingtheit unserer Existenz definieren die Philosophie des Materialismus.
Aldous Huxley führt im Roman Eiland, 1962 zwei sich gegenüber stehende Formen des Materialismus auf.: unsere oberflächliche Idee von Besitz umschreibt den abstrakten Materialismus. Höher stehend als diesen abstrakten Materialismus beurteilt er den so genannten konkreten Materialismus:
«Hingegen erfordert der konkrete Materialismus die volle Achtsamkeit bei allem, was man tut und erfährt.»
„… Im konkreten Materialismus muss man sich der einzelnen Materialien, die durch die eigenen Hände gehen, vollauf bewusst sein, ebenso wie der Geschicklichkeit, mit der man seine Arbeit verrichtet, sowie der Menschen, mit denen man arbeitet…. und weiter: konkreter Materialismus ist ganz einfach der Rohstoff eines erfüllten Menschenlebens.“
Das Narrativ meines künstlerischen Experiments mit den Steinen handelt von einem Akt der Zähmung von Wildnis. Die Form, die in den Steinen natürlich angelegt ist, bekommt eine Verfeinerung. Zudem wird der Stein bei der Bearbeitung aus seinem biologischen Kontext heraus isoliert, weil die lebende Oberfläche der Erde, die auch auf ihm existiert, mechanisch von ihm abgetrennt wird. So ist er biologisch gesehen isolierte, sterile Materie auf der belebten Erde. Das so gestaltete steinerne Objekt ist wie alles Neue ein Fremd-Körper; weder gehört es zur Natur noch zur Tradition und für mich als Mensch, nicht als Bildhauer, wird es zum poetisch beladenen Artefakt .
Ich lasse mich überraschen: je strikter ich beobachte, was passiert, während ich an so einem Stein arbeite, desto sonderbarer erscheint er mir im Kontext des zeitgenössischen Kunstschaffens.
Dass es sich bei der STEIN – Serie um Artefakte handelt, bestreitet niemand, doch ob es sich um Kunstwerke handelt, das wissen die kleinen Kinder. Fragen wir sie.
zum Titel „STEIN“
Erst als im Mai 2000 die 10,4 Tonnen schwere Skulptur mit dem Arbeitstitel: «Skulptur für ein Schlafzimmer» in Schänis der Öffentlichkeit in einer Ausstellung vorgestellt wurde, zeichnete sich der Name „STEIN“ ab. Jung und alt gab dem Werk von sich aus den Namen „De Stei“. Diese Einstimmigkeit beeindruckte mich und so gab ich der Serie den Namen STEIN, obwohl ich mit meiner Werkreihe eigentlich den kleinen KIESEL darstelle, den sich kleine Kinder mit ihren kleinen Händen in ihre kleinen Hosentaschen stecken. „KIESEL“ war für mich als Titel naheliegender gewesen.
Die Skulpturen innerhalb dieses Experiments bekommen in meinem Katalog der Reihenfolge ihrer Entstehung entsprechend eine fortlaufende Nummer, die Jahreszahl ihrer Entstehung und eine Materialbezeichnung, beginnend mit «STEIN 1, 2000. Gotthardgranit».
Keiner der «Steine» ist signiert, weil eine Signatur die Schwerelosigkeit der Skulptur zerstört.